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SEZUAN.GUT.MENSCH: das bernhard ensemble denkt Brecht brillant weiter
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An vielen Litfasssäulen und Plakatwänden in Wien sticht derzeit ein von der Schauspielerin Kristina Bangert hervorragend gezeichnetes knallgelbes und rotes Plakat ins Auge: "SEZUAN.GUT.MENSCH. nach B. Brecht".
Gezeigt wird nicht sein klassisches Stück, wo die Götter ins chinesische Sezuan kommen, um gute Menschen zu finden, die ein menschenwürdiges Dasein leben können, damit die Welt so bleibe, wie sie ist. Der einzige gute Mensch, den sie schließlich finden, ist die Hure Shen Te, die allerdings nur in der Maske des bösen Vetters Shui Ta überleben kann, nachdem sie dem stellungslosen Postflieger Yang Sun in Liebe verfallen ist. Schwanger geworden kann sie in ihren alten Beruf nicht mehr ausüben, mit der Entlarvten kennt die getäuschte Gesellschaft kein Erbarmen. Die Götter erteilen dem einzigen guten Menschen, der ihnen begegnet ist, die Erlaubnis, weiterhin seine böse Seite zu zeigen, damit er überleben kann und machen sich aus dem Staub.
Diese berühmte Geschichte dient den Schauspielern des bernhard ensembles nur als Grundgerüst. Auf ihm denken und spielen sie Brecht in die Wiener Gegenwart. Losgelöst von seiner Textvorlage entwickeln sie frei improvisatorisch eine heutige Bühnenparabel:
Yang (quasi Shen Te) ist hier ein verständnisvoller weicher Stricher, Yin seine harte geschäftstüchtige Schwester. Dann gibt es neben dem attraktiv-lässigen blinden Flieger zum Beispiel den Mann mit "Migrationshintergrund" vom Balkan, eine Schwangere aus der Favoritener Per-Albin-Hansson-Siedlung, die genau weiß, wie man diverse Sozialleistungen lukriert, weiters eine über das allgemeine Weltenelend quasselnde Tussi; einen Neonazi, der hinter seinen brutalen Sprüchen ungeheuer einsam wirkt und einen kleinen zarten Gott, der angesichts dieser Menschen zunehmend verzweifelt.
Diese Aufführung ist wohl die derzeit interessanteste Brecht gewidmete in Wien - sie hätte ihm garantiert gefallen. Zweck von sozial relevanter Kunst müsse es sein, "verwickelte Vorgänge" sichtbar zu machen, meinte er. Und genau das macht das bernhard ensemble mit dieser Aufführung, die kaum dichter gelingen konnte.
Ein Glücksfall.